Rezension: „Die Happiness Lüge“
von Anna Maas
★★★★★
„Vor allem hoffe ich, dass du am Ende des Buches etwas weniger Last auf deinen Schultern spürst und merkst: Es ist in Ordnung, sich auch mal nicht in Ordnung zu fühlen.“ (S. 10)

Eckdaten
Verlag: Eden Books (zur Verlagsseite)
Erscheinungsdatum: 07.05.2021
Preise: Taschenbuch 16,95€, E-Book 12,99€, Hörbuch 7,40€
Seitenzahl: ca. 256
ISBN: 978-3-95910-314-5
Genre: Ratgeber, Mental Health
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Cover
Der Titel ist gut in Vordergrund und im ganzen finde ich das Cover sehr ansprechend. Es sind kleine Grafiken auf der Umschlaggestaltung, die das Cover zwar schön designen, aber nicht überladen. Mich hat es sofort angesprochen. Auch die Innengestaltung ist wie ich es von Eden Books mittlerweile kenne, stiltreu und passend aufgebaut. Die Kapitel haben „Titelblätter“ und wichtige Abschnitte, wie z.B. die Interviews sind hervorgehoben. Ein sehr ansprechendes Design.
Klappentext
»Good vibes only! Mach das Beste draus! Sieh’s doch mal positiv!« Auf Instagram und Co. wird Optimismus bis zum Umfallen gepredigt. Aber lassen sich negative Gefühle wirklich einfach wegmeditieren? Können wir uns allen Ärger und Frust beim Yoga von der Seele atmen? Und ist tatsächlich etwas dran an dem viel zitierten »Law of Attraction«, das unser Schicksal ganz allein in unsere Hände legt, frei nach dem Motto »Wer positiv denkt, dem widerfährt Gutes«?
Anna Maas ist sich sicher: Nein! Denn durch die allgegenwärtige Glückssuche entsteht Druck: Jede*r muss immer positiv denken, für negative Emotionen ist kein Platz. Wer es nicht »schafft«, optimistisch zu bleiben, hat versagt. Dieses Phänomen hat einen Namen: »Toxic Positivity«.
In ihrem Buch untersucht die Journalistin, was wirklich dran ist an dem Zwang zum Glücklichsein. Anhand ihrer eigenen Erfahrungen und der Meinungen zahlreicher Expert*innen erklärt sie, warum eine positive Lebenseinstellung um jeden Preis oft nicht nur wenig hilfreich ist – sondern uns sogar schaden kann.
Erster Satz
„Weißt du noch, wie sich dieses Kribbeln im Bauch angefühlt hat, wenn du als Kind in die tosenden Wellen des Meeres gerannt bist?“ (S. 7)
Meinung
So ein wundervolles, wichtiges, ehrliches Buch!
Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus, weil ich so begeistert bin, wie schon lange nicht mehr. Es ist eine Art Wohlfühlbuch, es gibt dem Lese das Gefühl, sich verstanden zu fühlen. Ruckzuck hatte ich es durch war ich sag direkt vorweg: Es hat mir ein sehr gutes Gefühl vermittelt, Gedanken angeregt und mich nachdenklich gestimmt. Ich wage sogar zu sagen, dass ich mich nach dem Lesen besser gefühlt habe.
„Offenheit, Ehrlichkeit und Mitgefühlt bringen uns so viel weiter als >positives Denken<.“ (S. 241)
Ich kam schnell und einfach in die Geschichte rein, was vermutlich an dem angenehmen Schreibstil der Autorin liegt. Sie spricht den Leser direkt an, als würde man eine Unterhaltung führen und erzählt dabei von ihrem Leben, ihren Erfahrungen, Hoch- und Tiefpunkte und es wird viel Fachwissen von Experten oder auch Interviews mit eingebaut. Das macht die Geschichte sehr lebhaft und nimmt sämtlichen Platz, damit es nicht langatmig wird.
„Willkommen im echten Leben. Keiner von uns ist davor gefeit, Unglück, Schmerz, Trauer oder den ganz alltäglichen Stress zu erleben.“ (S. 9)
Ich mochte den Aufbau auch sehr gerne, es ist tagesaktuell – und das merkt man direkt am Anfang. Die Autorin erzählt von ihren Leben in Bezug auf die Krise und andere Themen. Oft musste ich nach Sätzen zustimmend nicken und dachte: Ja! Genau! Wieso sehen das so wenig Menschen? Es ist so wahr! Zwischen den Zeilen steckte für mich also sehr viel Bestätigung in Bezug auf vielerlei Ansichten. Denn das Thema dieses Buches ist ja nun mal „Toxic Positivity“ in erster Linie und ich gehöre auch dazu, dass ich mich auf dem Thema Self-Care/Mental Health immer mehr bewege, mir aber dieses ewig „Sieh es doch einfach mal Positiv“ total auf den Geist geht. Natürlich bringt es niemanden weiter, wenn man ausschließlich in Frust, Trauer und Negativität steckt. Aber „Es einfach mal positiv“ zu sehen, eben auch nicht. Das beschreibt die Autorin mit Hilfe von vielen Beispielen und Meinungen sehr gut. Es gibt eben mehr als nur Schwarz oder Weiß.
„Vielleicht ist es aber auch so, dass Menschen tatsächlich helfen wollen, ohne dabei zu merken, dass ihre positive Art für andere Menschen auch belastend sein kann.“ (S.24)
Was ich genial finde ist, dass vor allem wirklich auch mal waschechte Tipps deutlich gemacht werden. Vor allem der Bezug auf, was kann man Menschen raten, wie kann man ihnen wirklich helfen. Denn mit Aussagen wie „Es ist doch nicht so schlimm“ oder „Sei doch mal positiv“ ist es definitiv der falsche Weg. Und hier werden ganz genau Gefühle besonders angesprochen und wenn man einmal drüber nachdenkt, hilft es mir auch eher wenn jemand sagt: „Ich verstehe, dass es gerade ganz besonders schlimm für dich ist“ anstatt „Versuche das Gute darin zu sehen“.
„Die Happy-Peppy-Glitzerwelt von Instagram und Co., in der alles toll und nichts doof ist, war mir schon lange auf den Geist gegangen. Jetzt in der Krise war der ganze >Good Vibes Only<-Hype mit einem Mal so präsent – und mir so zuwider – wie nie zuvor.“ (S. 27)
Ich habe mich da sehr an eine Situtation vor 1-2 Jahren erinnert. Ich bin Krankenschwester und auf der Corona Station eingesetzt worden, weil meine Abteilung zu machen musste. Es war einfach nur schlimm. So richtig schlimm. Ich kam oft weinend nach Hause und hätte mich am liebsten nur noch unter der Bettdecke versteckt. Freunde, die es natürlich bloß gut meinten, äußerten dann so Aussagen wie „Aber genau so Menschen wie dich brauchen wir jetzt“ oder „Das ist so wichtig, dass es jemanden wie dich gibt“ oder „Sie es doch positiv, du kannst diesen kranken Menschen helfen“. Und ganz ehrlich? Ich habe beim Lesen über diese Situationen nachgedacht. Ich weiß, dass alle die solche Aussagen treffen, es nur gut meinen, einen aufmuntern möchten usw… aber in der Situation wollte ich sowas nicht hören. Ich wollte nicht auf der Station arbeiten, ich wollte nicht täglich um Leben und Tod kämpfen und wenn in einem Dienst 3 Patienten sterben, gibt es wirklich nichts, was man „positiv sehen“ kann. Und das hat mich sehr nachdenklich gemacht und es machte irgendwie „Klick“ im Kopf. Ich war in einer Lage in der ich die schlechten Emotionen fühlen wollte, weil ich es auch musste. Was bringt es mir zwanghaft in so einer Situation etwas positives einzureden? Das macht die „Ursache“ und die Lage einfach nicht besser.
„Genau darum geht es: Emotionen können Antreiber sein, Motivator, Augenöffner. Toxic Positivity treibt uns dazu, sie zu unterdrücken.“ (S. 120)
Und ich denke, deshalb ist dieses Buch so wichtig. Es öffnet einem die Augen und zeigt, dass es vollkommen okay ist, wenn man mal nicht okay ist. Man muss sich nicht zwanghaft auf die „Good Vibes Only“ Schiene bringen. Das löst weder das Problem, noch ist es besonders hilfreich. Natürlich gilt das aber nicht als ultimative Lösung. Positive Gedanken können helfen und tun es oft auch, das ist vollkommen okay und gut. Aber eben nicht jeden, nicht zu jedem Zeitpunkt oder auf alle Situationen bezogen. Das sollte man immer berücksichtigen, wenn man Freunden, Bekannten, Familie etc. zuhört. Und das vermittelt auch dieses Buch am einfachsten hilft man indem man aufmerksam zuhört und vorallem auf die Emotionen achtet. EInfühlsam ist, mitfühlend und rücksichtsvoll. Da hat positives Eingerede überhaupt nichts verloren.
„Ob du diskriminiert wurdest, entscheiden nicht die Diskriminierenden und nicht die Zuschauer, sondern du.“ (S. 125)
Ich bin selten in einer Rezension so abgeschweift, aber mir war es wichtig die Gedanken irgendwie zu sortieren, die dieses Buch in mir ausgelöst hat. Ein einfach: Toller Schreibstil, wichtiges Thema, gut umgesetzt mit hilfreichen Tipps, wäre dem Buch einfach nicht gerechtfertig und es ist so wichtig, dass dieses Buch noch viele Menschen lesen. Nicht nur weil es einem selbst hilft und verdeutlich, dass es in Ordnung ist, wenn es mal nicht so läuft. Sondern auch weil es lehrreich im Umgang in Bezug auf das Umfeld von einem ist. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich auch ich schon mal den Rat gegeben: „Das ist doch alles nicht so schlimm.“ Aber für den anderen Menschen ist es das vielleicht und das sollte man niemals vergessen.
„Gute Gedanken können nicht heilen, aber helfen. Diese Unterscheidung finde ich wichtig. Auf diese Weise kann man durchaus ein positiver Mensch sein, ohne dabei toxisch zu wirken. Wenn positive Gedanken uns helfen – super. Aber man kann niemanden eine positive Einstellung aufzwingen.“ (S. 176)
Zusammenfassend also ein sehr, sehr, sehr wunderbarer Ratgeber, der sehr lesernah geschrieben ist, keineswegs langatmig oder trocken, sondern durch Interviews lebhaft gestaltet wurde. Dabei immer ein autobiografischer Bezug, der hier sehr passend eingebaut wird. Die Thematik wird gut bearbeitet und sehr hilfreich an den Leser rangeführt. Es ist ein typisches – es öffnet die Augen Buch – und hat am Ende sogar eine eigene Zusammenfassung an Tipps, um nicht in die Supi-Dupi-Good Vibes Only-Always stay positivity-Schüssel zu fallen.
„Wir dürfen Schubladen im Kopf haben – das ist menschlich. Doch ab und zu sollten wir Inventur machen und mak schauen, ob das, was in diesen Schubladen steckt, eigentlich noch dahin gehört.“ (S. 217)